Plattdeutsch sichtbar machen: Erfahrungen aus zwei Modellregionen
Wie kann Niederdeutsch im öffentlichen Raum wieder selbstverständlicher werden? Welche Unterstützung benötigen Unternehmen, Verwaltungen und andere Einrichtungen, damit sie die Regionalsprache sichtbar einsetzen? Mit einem neuen Konzeptpapier stellen der Bunnsraat för Nedderdüütsch und das Niederdeutschsekretariat die Erfahrungen aus zwei Modellprojekten zur Sichtbarkeit des Niederdeutschen vor. Die Projekte wurden 2025 im Oldenburger Münsterland und in Sachsen-Anhalt durchgeführt. Das Papier dokumentiert nicht nur die einzelnen Aktivitäten, sondern wertet auch Hindernisse und unterschiedliche regionale Voraussetzungen aus. Daraus werden erste Bausteine für künftige regionale Sichtbarkeitskampagnen entwickelt.
Zwei Modellregionen mit unterschiedlichen Ausgangslagen
Die beiden Regionen wurden ausgewählt, weil sie für unterschiedliche sprachliche Situationen innerhalb des niederdeutschen Sprachgebietes stehen. Im Oldenburger Münsterland ist Niederdeutsch weiterhin in der regionalen Identität verankert und wird teilweise noch im privaten Umfeld gesprochen. Im öffentlichen Raum ist die Sprache jedoch nur selten zu sehen. Im Rahmen des Modellprojekts wurden mehr als 100 Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Vereine und weitere regionale Akteure aus der Region angeschrieben. Sie wurden eingeladen, Niederdeutsch beispielsweise auf Schildern, in Informationsmaterialien, bei Produktbezeichnungen oder in ihrer Außendarstellung einzusetzen. In Sachsen-Anhalt ist die Verbindung zwischen Niederdeutsch und regionaler Identität vielerorts deutlich schwächer ausgeprägt. Hier wurden vor allem Hersteller und Anbieter regionaler Lebensmittel und Spezialitäten angesprochen. Niederdeutsch sollte als Ausdruck regionaler Herkunft und Verbundenheit sichtbar werden – etwa durch Produktnamen, kurze zweisprachige Texte oder andere niedrigschwellige Elemente.
Die Modellprojekte waren dabei bewusst als Erprobungsräume angelegt. Es ging nicht allein darum, möglichst viele einzelne Schilder oder Produkte zu gestalten. Untersucht werden sollte vielmehr, wie Akteure angesprochen werden können, welche Vorbehalte bestehen und welche organisatorischen Voraussetzungen eine langfristige Kampagne benötigt.
Ein erster Baustein des „Spraakplaan Nedderdüütsch 2050“
Die Modellprojekte sind Teil der Initiative „Spraakplaan Nedderdüütsch 2050“, die der Bunnsraat för Nedderdüütsch und das Niederdeutschsekretariat 2024 ins Leben gerufen haben. (Siehe hierzu auch die Broschüre "Spraakplaan för Nedderdüütsch - Woans geiht een dat an?") Ziel ist eine langfristige Strategie, mit der Niederdeutsch als Alltags-, Kultur-, Vermittlungs- und Gesellschaftssprache erhalten und gestärkt werden kann. Dabei kann es angesichts des großen und vielfältigen Sprachgebietes nicht den einen, überall identischen Maßnahmenplan geben. Die sprachliche Situation im Oldenburger Münsterland unterscheidet sich beispielsweise von der Situation in Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder einer Großstadt wie Hamburg. Der Spraakplaan verbindet deshalb einen gemeinsamen strategischen Rahmen mit regionalen und dezentralen Teilplänen.
Sprachplanung umfasst unterschiedliche Bereiche. Die Erwerbsplanung beschäftigt sich beispielsweise damit, wie Menschen Niederdeutsch in der Familie, in Bildungseinrichtungen oder in der Erwachsenenbildung lernen können. Die Korpusplanung nimmt unter anderem Wortschatz, Schreibung und den sprachlichen Ausbau in den Blick. Bei der Statusplanung geht es um die Frage, in welchen gesellschaftlichen Bereichen eine Sprache verwendet wird. Die Prestigeplanung richtet den Blick dagegen auf die Einstellungen gegenüber einer Sprache: Wird Niederdeutsch als vollwertiges Kommunikationsmittel wahrgenommen? Trauen sich Menschen, die Sprache öffentlich zu verwenden? Halten Unternehmen und Verwaltungen es für selbstverständlich, Niederdeutsch sichtbar einzusetzen? Gerade hier bestehen weiterhin erhebliche Hürden. Niederdeutsch wird zwar häufig mit Heimat, Nähe und Humor verbunden, zugleich aber oft auf einzelne „witzige“ Wörter, Folklore oder private Gespräche beschränkt. Als Sprache der Verwaltung, der Wirtschaft, der Wissenschaft oder der öffentlichen Kommunikation wird es dagegen nur selten wahrgenommen.
Prestigeplanung bietet sich deshalb als erster Schritt an. Sichtbares Niederdeutsch kann vertraute Vorstellungen verändern, öffentliche Sprachräume öffnen und zeigen, dass die Regionalsprache nicht nur ins Private oder auf die Theaterbühne gehört. Eine zweisprachige Beschilderung, ein plattdeutscher Produktname oder ein Informationsangebot auf Niederdeutsch haben zunächst eine symbolische Wirkung. Langfristig können sie jedoch dazu beitragen, den öffentlichen Gebrauch der Sprache zu normalisieren.
Was die Modellprojekte gezeigt haben
Zu Beginn war erwartet worden, dass die Resonanz im Oldenburger Münsterland deutlich größer ausfallen würde als in Sachsen-Anhalt. In der Praxis zeigten sich jedoch in beiden Regionen ähnliche Vorbehalte und eine insgesamt geringe Rückmeldequote. Viele der angesprochenen Akteure konnten sich zunächst wenig unter Sprachplanung oder einer Sichtbarkeitskampagne vorstellen. Andere befürchteten zusätzliche Kosten und einen hohen organisatorischen Aufwand. Wo im Betrieb niemand Niederdeutsch sprach, bestand teilweise die Sorge, mit der Verwendung der Sprache Erwartungen zu wecken, die das Personal anschließend nicht erfüllen könne. Hinzu kamen Unsicherheiten über die passende regionale Sprachform und darüber, wie Kundinnen und Kunden auf niederdeutsche Angebote reagieren würden. Auch die Form der Ansprache erwies sich als entscheidend. Allgemeine Anschreiben per E-Mail oder Post reichen häufig nicht aus, um ein erklärungsbedürftiges Vorhaben zu vermitteln. Persönliche Gespräche sind deutlich besser geeignet, um mögliche Partner zu gewinnen. Dennoch entstanden in beiden Regionen konkrete Ansätze. Im Oldenburger Münsterland wurden unter anderem Informationstafeln für den Bereich der Thülsfelder Talsperre übersetzt. Von besonderer Bedeutung waren die neu entstandenen Kontakte. Aus einer Veranstaltung in Cloppenburg entwickelte sich eine regionale Arbeitsgruppe, in der Plattdeutschaktive, Plattdeutschbeauftragte, der Heimatbund Cloppenburg, Wirtschaftsförderung und Tourismus gemeinsam weitere Vorhaben planen. Auch in Sachsen-Anhalt konnten Akteure miteinander in Austausch gebracht und ein grundsätzliches Interesse an weiteren Maßnahmen sichtbar gemacht werden.
Schlussfolgerungen für künftige Sichtbarkeitskampagnen
Die wichtigste Erkenntnis lautet: Sichtbarkeitskampagnen müssen regional geplant werden. Im Oldenburger Münsterland kann an vorhandene Sprachkenntnisse und eine weiterhin lebendige, wenn auch vielfach private Sprachkultur angeknüpft werden. Hier sollte eine Kampagne Menschen dazu ermutigen, Niederdeutsch wieder häufiger öffentlich zu sprechen und die Sprache in neue Situationen hineinzutragen. In Sachsen-Anhalt muss zunächst das Bewusstsein gestärkt werden, dass Niederdeutsch überhaupt zur Region gehört. Am Anfang stehen daher eher kurze, verständliche und symbolische Formen der Sichtbarkeit. Erst wenn die Verbindung zwischen Sprache und Region wieder stärker wahrgenommen wird, können weiterführende Angebote entstehen.
Aus den Erfahrungen lassen sich weitere Grundsätze ableiten: Kleine Betriebe benötigen andere Angebote als Verwaltungen und öffentliche Einrichtungen. Die Ansprache sollte möglichst persönlich erfolgen und bereits konkrete, zum jeweiligen Betrieb passende Vorschläge enthalten. Übersetzungen, Gestaltungsvorlagen und Informationen über Kosten und Herstellung müssen leicht zugänglich sein. Zugleich ist darauf zu achten, dass die verwendete Sprache regional authentisch ist. Vor allem aber braucht es lokale Netzwerke und verlässliche Koordination. Erst wenn Sprachaktive, Kommunalpolitik, Wirtschaft, Tourismus, Kultur, Vereine und öffentliche Einrichtungen gemeinsam handeln, entsteht eine dauerhafte Präsenz. Lokale Multiplikatorinnen und Multiplikatoren können dabei weitere Partner gewinnen und dafür sorgen, dass aus einzelnen Maßnahmen eine zusammenhängende regionale Strategie wird.
Das nun veröffentlichte Konzeptpapier versteht sich deshalb nicht als Abschluss, sondern als erster Arbeitsschritt im „Spraakplaan Nedderdüütsch 2050“. Die Erfahrungen aus den Modellregionen bilden eine Grundlage für ein übertragbares Planungsinstrument, mit dem weitere Regionen eigene Ziele, Zielgruppen und Maßnahmen entwickeln können. Denn Niederdeutsch sichtbar zu machen bedeutet mehr, als einzelne Wörter auf Schilder zu setzen: Es bedeutet, der Sprache Schritt für Schritt wieder einen selbstverständlichen Platz im öffentlichen Leben zu geben.
Das Konzeptpapier für die Modellprojekte lässt sich hier herunterladen.
